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(TID 512273)


Literatur war bis in das 18. Jahrhundert das Sachwort für Gelehrsamkeit, neueste wissenschaftliche Publikationen, in seltenerer Nebenbedeutung auch für Schriften der griechischen und lateinischen Antike.

Das Wort bezeichnet heute, nachdem Literaturzeitschriften und ihnen folgend Literaturgeschichten im 18. und 19. Jahrhundert siegreich neue Diskussionsangebote in diese Trend machten, im weitesten Sinn die sprachlich fixierte Überlieferung:

In der neuen Ausgestaltung übernahm die Literatur im 19. Jahrhundert in den Nationen Rang, den zuerst die Theismus als Debatten- und Bildungsgegenstand inne hatte. Ihr Kanon wird grundsätzlich im Nutzung festgelegt, zu dem sie sich fungieren muss: Die Würdigung ihrer „künstlerischen“ Qualität und die Interpretation ihrer Fiktionen stillstehen seit dem 19. Jahrhundert zentral der Beschäftigung mit Literatur.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Das Wort Literatur ist eine spätere Ableitung des lateinischen littera, der „Buchstabe“. Der Mehrzahl litterae hatte dabei die eigenen Bedeutungen „Geschriebenes“, „Dokumente“, „Briefe“, „Gelehrsamkeit“, „Wissenschaft(en)“. Im Französischen und Englischen blieb in lettres und letters die besondere Wortbedeutung „Wissenschaften“ erhalten.

In den Bereich der verwandten Worte gehört die Worfügung belles lettres, französisch für „schöne Wissenschaften“ – im 18. Jahrhundert das Wort für die gesamte modische Buchproduktion gehobenen Geschmacks. Aus belles lettres und schöne Wissenschaften ging im 19. Jahrhundert im Deutschen „schöne Literatur“ heraus mit dem Zusammenhang auf Romane, Gedichte, Dramen als das zentral der Betrachtung stehende Feld. Man spricht dieser Tage noch immer von „schöner Literatur“, wenn man diese Bedeutungseinengung kenntlich machen will. Ansonsten steht in diesen Tagen das Wort „Literatur“ in der Regel von sich aus für das engere Feld der schönen Literatur. Aus dem Wort belles lettres ging im Buchhandel, das Wort Belletristik hevor als Begriff für den internationalen Markt der Bücher, die ein breiteres Publikum mit unterhaltender (Neben-)absicht ansprechen. Unter den genannten Worten wurde das Wort Literatur zum Wort für das gesellschaftsweit diskutierte Feld der wichtigen sprachlichen Anfertigung mit dem Nebeneffekt, dass seine Bedeutung sich dieser Tage so schwer eine Trennungslinie ziehen lässt wie die Literaturdiskussion, die ihre Gegenstände auf der Ermittlung nach auszulösenden Debatten in verschiedensten Definitionen des Wortes selbst festlegt.

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Begriffs- und Gegenstandsgeschichte

Der Prozess, in dem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Dramen, Romane und Gedichte zu „Literatur“ gemacht wurden (sie hingen vor unter keinem Wort zusammen), muss unter unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden. Ganz verschiedene Interessen waren daran beteiligt, die „Literatur“ zum breiten Debattenfeld zu machen.

Auf eine einprägsame Anleitung gebracht engten die Partner der Literaturdebatte ihre Diskussion ein und weiteten ihre Diskussion damit aus.

Seit Jahrhunderten hatten sie siegreich wissenschaftliche Schriften als „Literatur“ diskutiert - Lyrik und Fiktionen interessierten sie dabei vor 1750 nur am Rande. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rückten sie ausgewählte Felder des populären Randgebiets in das Zentrum ihrer Rezensionen mit dem Effekt, dass ihre eigene Diskussion sich nun mit den freier besprechbaren Gegenständen ausweitete. Die Gründung der universitär verankerten Literaturwissenschaft festigte im 19. Jahrhundert den Prozess dieser Einschränkung des Debattenfeldes (auf Dramen Romane und Gedichte) sowie die Ausdehnung der Diskussion selbst (vor allem auf die staatlichen Schulen und die öffentlichen Medien).

18. Jahrhundert: Die Literaturkritik wendet sich „schöner Literatur“ zu

Bild:Memoirs of literature 1712.jpg
Literature = Learning, Gelehrsamkeit. Titelblatt der Memoirs of Literature (1712).

Das Wort „Literatur“ gilt in diesen Tagen zwar nimmer dem selben Gegenstand wie vor 1750, es blieb jedoch kontinuierlich das Wort des sekundären Austauschs über Literatur. Es findet sich auf Titelseiten von Literaturzeitschriften, in den Bezeichnungen von Lehrstühlen und universitären Seminaren der Literaturwissenschaft, in den Titeln von Literaturgeschichten, in Wortfügungen wie „Literaturpapst“, „Literaturkritiker“, „Literaturhaus“, „Literaturpreis“. Das Wort „Literatur“ ist dabei (anders als Worte wie „Hammer“, die keine Debattengegenstände bezeichnen) zuerst ein Wort des Streits und der Frage: „Was soll eigentlich als Literatur Anerkennung finden?“ Es gibt eine Literaturdiskussion, und sie legt auf der Ermittlung nach neuen Themen, neuer Literatur und neuen Literaturdefinitionen fortwährend neu fest, was gerade für „Literatur“ erachtet wird. Sie tat dies in den letzten 300 Jahren mit solchem Wandel ihres Interesses, dass man für das Wort „Literatur“ eben sehr wohl keine stabile inhaltliche Erklärung geben kann.

Das große Thema des Austauschs über Literatur waren bis weit ins 18. Jahrhundert in die Wissenschaften. In der Praxis des Besprechungswesens reduzierte sich der Blick der Literaturrezensenten dabei auf neueste Publikationen, auf Schriften – ein Austausch, der kumulativ Typ außerhalb der Wissenschaften ansprach: Wissenschaftliche Journale erschienen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit spannenden Themen in den Niederlanden auf Französisch. Englische kamen hinzu, deutsche boomten zwischen 1700 und 1730 im Geschäft, das die Universitäten Leipzigs, Halles und Jenas bestimmten. Der Reiz der wissenschaftlichen Journale war ihre Diskussionsfreudigkeit, ihre Offenheit für politische Themen, die Präsenz, die hier einzelne Literaturkritiker mit eigenen sehr persönlich geführten Journalen (im deutschen etwa den Gundlingiana Nikolaus Hieronymus Gundlings) entwickelten.

Zwischen 1730 und 1770 wandten sich deutsche literarische Journale epochal der nationalen Dichtung zu - im territorial und konfessionell zersplitterten Sprachgebiet war die Liedhafte Dichtung der Nation ein Thema, das sich überregional und mit größten Freiheiten behandeln ließ. Die Belesenheit (die „res publica literaria“) gewann mit Rezensionen der „belles lettres“, der „schönen Wissenschaften“, der „schönen Literatur“ (so die Dachbegriffe, die man wählte, um diese Werke ungeziert in wissenschaftlichen Zeitschriften anzusprechen zu können), ein wachsendes Publikum. Aus dem modischen Ausnahme des Rezensionswesens wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts der Regelfall.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste im Deutschen das Wort „Literatur“ neu definiert werden. „Literatur“ war (hielt man sich vor Augen, was da besprochen wurde), definitiv nicht der Wissenschaftsbetrieb, statt eine textliche Fabrikation mit zentralen Feldern in der künstlerischen Produktion. „Literatur“ wurde in der neuen Definition:

  • im „weiten Sinn“ der Bereich aller sprachlichen und schriftlichen Überlieferung (sie umfasst mündlich tradierte Epen ebenso wie gedruckte Noten),
  • im „engen Sinn“ der Bereich sprachlichen Kunstwerke.

Nach der neuen Begriffsbestimmung war davon auszugehen, dass sich die Literatur in nationalen Traditionssträngen entwickelte: Wenn sie im Kern sprachliche Überlieferung war, dann mussten die Sprachen und die politisch definierten Sprachräume den einzelnen Überlieferungen Grenzen setzen - Grenzen, über die nur ein Kulturaustausch hinweghelfen kann. Ein Sprechen von „Literaturen“ im Mehrzahl entfaltete sich. Für die Nationalliteraturen wurden die nationalen Philologien zuständig. Eine eigene Forschung der Komparatistik untersucht die Literaturen dieser Tage in Vergleichen.

Die Begriffsbestimmung von Literatur als „Gesamt der sprachlichen und schriftlichen Überlieferung“ gesetzlich es den verschiedenen Wissenschaften, weiterhin in „Literaturverzeichnissen“ ihre eigenen Arbeiten als „Literatur“ zu listen (Fachliteratur). Die Begriffserklärung im „engen Sinn“ ist dagegen gezielt arbiträr und zirkulär angelegt. Es blieb und bleibt darüber zu streiten, welche Werke als „künstlerische“ Leistungen anzuerkennen sind.

Dramen, Romane und Poesie werden im 18. Jahrhundert zum Diskussionsfeld

Das, was Literatur werden sollte, hatte vor 1750 weder einen eigenen Hyperonymie noch größere Marktbedeutung. Liedhafte Dichtung und Romane mußten erst unter eine einheitliche Diskussion gebracht werden, wobei gleichzeitig große Bereiche der Poesie- wie der Romanproduktion aus der Literaturdiskussion herausgehalten werden mussten, wenn diese ihr kritisches Gewicht wahren wollte.

Der Prozess, in dem ausgewählte Dramen, Romane und Gedichte „Literatur“ wurden, fand dabei in einem größeren statt: Seit dem 17. Jahrhundert gab es auf dem Buchmarkt die „belles lettres“ (englisch vor 1750 oft mit „polite literature“ übersetzt, teutonisch mit „galante Wissenschaften“ und ab 1750 „schöne Wissenschaften“). Dieses Feld besteht dieser Tage im Deutschen mit der Belletristik fort.

Die „belles lettres“ werden zum Sonderfeld der Literaturdiskussion

Die „belles lettres“ waren im 17. Jahrhundert unter den „lettres“, den Wissenschaften, für das Besprechungswesen ein unterhaltsamer Randbereich. Sie bewiesen sich im Lauf des 18. Jahrhunderts als popularisierbares Besprechungsfeld. Ihnen fehlten jedoch entscheidende Voraussetzungen, um staatlichen Schutz erlangen zu können: Die „belles lettres“ waren und sind global und zeitgemäß (man kann von „nationalen Literaturen“ sprechen nicht aber von „nationalen Belletristiken“), sie umfassten Memoires, Reiseberichte, politischen Klatsch, elegante Skandalpublikationen wie wie Klassiker der antiken Dramatiker in neuen Übersetzungen (ihnen fehlt mit anderen Worten jede Anpassung auf eine Qualitätsdiskussion; man liest die mit Geschmack, es gibt „Literaturkritiker“ aber keine „Belletristikkritiker“). Die Schöngeistige Literatur war und ist erstmal derzeitig und das selbst in ihren Klassikern (es gibt keine „Belletristikgeschichte“, wohl aber „Literaturgeschichte“) - das sind die wesentlichenn Unterschiede zwischen Schöngeistige Literatur und Literatur, die aufzeigen, wie die Schöngeistige Literatur umgeformt werden musste, um die Literatur im heutigen Sinn zu schaffen.

Staatliches Interesse – Achtung, mit der sie zum Unterrichtsgegenstand werden konnte – gewann die Unterhaltungsliteratur durch die Einrichtung einer nationalen Debatte, in der es um hohe Kunstgriff der nationalen Autor ging. Romane, Dramen und Gedichte wurden in der Einrichtung dieser Diskussion zum zentralen Feld der „belles lettres“, zu „schöner Literatur“, dem Kernbereich der literarischen Produktion.

Das kritische Besprechungswesen entskandalisierte die Belletristik

Bild:Eng-tit-1600-1799-b.gif
Die englische Buchproduktion 1600-1800, Titelzählung nach dem English Short Title Catalogue. Die Statistik zeigt deutlich - eine Besonderheit des englischen Marktes - das Bilden der aktuellen politischen Berichterstattung mit der Revolution 1641/42. Die Höhepunkte der Presseaktivität liegen vor 1730 jeweilig in politisch turbulenten Jahren. Als Phasen bildlich darstellen sich die Bürgerkriegszeit mit abfallender Produktion, die Zeit der Kriege gegen die Niederlande (1670er) und der Großen Allianz (1689-1712) ab. Mittelpunkt des 18. Jahrhunderts setzt ein neues Wachstum mit bald exponentieller Kurve, nach dem ausschlaggebend der Aufstieg der Belletristik steht.

Der Bereich der „belles lettres“ war vor 1750 klein, aber virulent. Unter 1.500-3.000 Titeln der jährlichen Gesamtproduktion, die um 1700 in den einzelnen großen Sprachen Französisch, Engl. und Germanisch auf den Markt kam, machten die „belles lettres“ annual 200-500 Titel aus; 20-50 Romane waren etwa dabei. Der Großteil der Buchproduktion entfiel auf die Bereiche wissenschaftliche Literatur und religiöse Textproduktion von Gebetbüchern bis hoch zu theologischer Fachwissenschaft, sowie, wachsend: auf die politische Auseinandersetzung. Zu den Marktentwicklungen eingehender das Stichwort Buchangebot (Geschichte).

Auf dem Weg zur diskutablen Poesie wird die Oper ausgeschaltet

Die Literaturkritik, die Besprechung der Wissenschaften ließ sich zwischen 1730 und 1770 gezielt auf die skandalösesten Bereiche des kleinen belletristischen Marktes ein. Dort, wo es die skandalöse Oper und den ebenso skandalösen Roman gab, musste (so die Forderung der Kritiker) in nationalem Interesse Besseres entstehen. Mit größtem Einfluss agierte hier die deutsche Gelehrsamkeit. Die Tragödie in Versen wurde das erste Ansinnen des neuen, sich der Lyrik zuwendenden wissenschaftlichen Rezensionswesens. Grande Nation und England hätten eine solche Tragödie zum Ruhm der eigenen Nation, führte Johann Christoph Gottsched in seiner Vorrede zum Sterbenden Cato, 1731 aus, die den Ruf nach jener neuen deutschen Poetik begründete, aus der am Ende die neue hohe deutsche Nationalliteratur wurde. Die Anfall richtete sich (auch wenn Gottsched das nur in Nebensätzen klarstellte, und ansonsten das Theater der Wandertruppen angriff) gegen die Oper, die in der Liedhafte Dichtung den Ton angab. Die Oper mochte Tonkunst sein. Die neue, der Oper ferne Tragödie würde, so versprach es Gottsched, auf Aufmerksamkeit (und damit Werbung) des kritischen Rezensionswesens wünschen können, für den Fall, dass sie sich an die poetischen Regeln hielt, die Aristoteles formuliert hatte.

Der Roman wird dagegen Teil der Poesie

Die Rückkehr zur aristotelischen Liedhafte Dichtung blieb ein Gesuch der „Gottschedianer“. Mit dem bürgerlichen Trauerspiel gewann Mittelpunkt des 18. Jahrhunderts ein ganz anderes Drama - eines in Prosa, das bürgerliche Helden tragödienfähig machte - die Aufmerksamkeit der Literaturkritik. Der Roman, der mit Samuel Richardsons Pamela or Virtue Rewarded (1740) dem neuen Drama die wichtigsten Vorgaben gemacht hatte, fand im selben Zeitpunkt das Interesse der Literaturrezension. War der Roman bis nachher eher Teil der dubiosen Historien als Poesie, so wurde nun die Poesiedefinition für den Roman geöffnet, so wie sie gegenüber der Oper, dem Ballett, der Kantate und dem Oratorium verschlossen wurde.

Der neue Poesiebegriff gab dem Fiktionalen und seiner diskutierbaren Bedeutung größeren Raum als Regeln und Konventionen. Die Diskutierbarkeit von Lyrik nahm damit zu. Sie steigerte sich weiter damit, daß das Besprechungswesen zum nationalen Wettstreit der Schriftsteller aufrief.

Die Diskussion „hoher Literatur“ und die Entskandalisierung der Öffentlichkeit

Die poetischen Werke, die mit den 1730ern geschaffen wurden, um von der Literaturkritik besprochen zu werden, verdrängten nicht die bestehende belletristische Produktion. Der gesamte Markt der Unterhaltungsliteratur wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Massenmarkt. Die neue, auf die Besprechung zielende Fabrikation versetzte jedoch die öffentliche Literaturkritik in die Lage, nach Belieben bestimmen zu können, was öffentlicher Beachtung wert sein sollte und was nicht. Das Besprechungswesen sorgte mit seiner Entscheidungsgewalt über das Medienecho für eine Ausdifferenzierung des belletristischen Sektors und für eine Entskandalisierung der Öffentlichkeit:

  • „Hoch“, der Besprechung würdig, stand die „wahre“, die „schöne Literatur“ - „Höhenkammliteratur“ solch späteres deutsches Wort (die Marktdifferenzierung fiel am härtesten in Deutschland aus, wo der Prozess früh einsetzte, hier gibt es darum auch die klareren Begriffe).
  • Als „niedrig“ wurde die sich kommerziell verkaufende, undiskutierte belletristische Produktion eingestuft - „Trivialliteratur“ das deutsche abwertende Wort.

Für die öffentliche Auseinandersetzung bedeutete die neue Distinktion eine Wohltat. Im frühen 18. Jahrhundert hatte man Romane, die hochrangigen Politikern Sexskandale andichteten, in wissenschaftlichen Journalen besprochen, für den Fall, dass die politische Bedeutung das erforderte. Man hatte die Daten schlicht als „curieus“ gehandelt (siehe etwa die Rezension der Atalantis Delarivier Manleys in den Deutschen Acta Eruditorum von 1713). Kein Gespür für die Niedrigkeit der Wortstreit bestand da - man ging vielmehr davon aus, dass sich solche Daten nicht unterschiedlich verbreiten ließen, als in skandalösen Romanen. Mittelpunkt des 18. Jahrhunderts - die neue Mode der Empfindsamkeit kam in diesem Geschehen auf - konnte man das „niedere“ zwar nicht vom Buchmarkt verbannen, aber eben aus der Diskussion nehmen. Es mochte einen skandalösen Journalismus beschäftigen, der eines Tages eine eigene Boulevardpresse entwickelte, nicht aber die gehobenen Debatten der Literatur.

Die Literaturgeschichte wird mit der Wende ins 19. Jahrhundert geschaffen

Die Literaturdebatte entwickelte auf dem Weg der von ihr angestrebten Marktreform eine besondere Retrieval nach Verantwortung für die Gesellschaft - und für die Kunst. Sie fragte nach den Autoren dort, wo der Markt bis dato weitgehend vernachlässigt und anonym florierte. Sie löste Pseudonyme auf und nannte die Autoren gezielt bei ihren bürgerlichen Namen (das war im 17. und 18. Jahrhundert schon unüblich, man sprach vor 1750 von „Menantes“ nicht von „Christian Friedrich Hunold“). Die neue Literaturwissenschaft diskutierte, welche Stellung die Autoren in der Nationalliteratur gewannen und legte damit das höhere Ziel der Verantwortung fest. Sie schuf schließlich besondere Fachdiskussionen wie die psychologische Interpretation, um selbst das noch zu erfassen, was die Autoren nur unbewusst in ihre Texte gebracht hatten, doch eben nicht weniger in der literaturwissenschaftlichen Perspektive verantworteten. Rechtliche Regelungen des Autorstatus und des Urheberschutzes gaben demselben Prozess ein zweite Seite.

Geschichten der deutschen Literatur offenbaren die Einschnitte des hier knapp skizzierten Geschehens, wenn man die besprochenen Werke auf der Zeitachse verteilt: Mit den 1730er beginnt eine kontinuierliche und wachsende Schaffung „deutscher Dichtung“. Die Diskussionen, die seit 1730 geführt wurden, schlagen sich in Winden von Schaffen nieder, die in diesen Diskussionen eine Rolle spielten. Vor 1730 liegt dagegen eine Lücke von 40 Jahren - die Lücke des (am Ende von einer Europamode vorangebrachten) belletristischen Marktes, dem die Gründungsväter der heutigen nationalen Literaturdiskussion als „niedrigem“ und unwürdigen ihre Betrachtungen verweigerten. Mit dem „Mittelalter“, der „Renaissance“ und dem „Barock“ schuf die Literaturgeschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts für die Vergangenheit nationale Großepochen, die der Literatur, wie sie dieser Tage erscheint, eine (lückenhafte, nachträglich produzierte) Entwicklung geben.

Bild:Frenzel.gif
Frenzels Daten deutscher Dichtung, die wohl populärste deutsche Literaturgeschichte auf die Zeitkunde der von ihr gelisteten Werke hin befragt (y-Achse = besprochene Werke pro Jahr). Deutlich zeichnet sich mit dem Jahr 1730 das Entstehen der für die Literaturbesprechung verfassten poetischen und fiktionalen Literatur ab. Diskussion um Streitgespräch schlägt sie sich mit einer neuen Zeitabschnitt nieder. Vor 1730 bleibt die Vergangenheit, mit der die deutsche Literatur seit den 1730ern ausgestattet wurde, bruchstückhaft.

Seit dem 19. Jahrhundert: Literatur im kulturellen Leben der Nation

Der Streit in der Anfrage „Was ist Literatur?“, der mit dem 19. Jahrhundert aufkam, und der nach wie vor die Literaturwissenschaft beschäftigt, ist kein Beweis dafür, dass die Literaturwissenschaft nicht einmal dies zuwege brachte: ihren Forschungsgegenstand klar zu definieren. Die Literaturwissenschaft wurde selbst die Anbieterin dieses Streits. Darüber, was Literatur sein soll und wie man sie adäquat betrachtet, muss tatsächlich gesellschaftsweit gestritten werden, wenn Literatur - Dramen, Romane und Gedichte - im Schulunterricht, in universitären Seminaren, im öffentlichen Kulturleben als Leistung der Nation gewürdigt wird. Jede Interessengruppe, die hier nicht eigene Perspektiven und besondere Diskussionen einklagt, verabschiedet sich aus einer der wichtigsten Debatten der modernen Gesellschaft.

Nach dem Vorbild der Literatur (als dem sprachlich fixierten nationalen Diskursgegenstand) wurden mit der Wende ins 19. Jahrhundert die internationaler verfassten Felder der bildenden Kunst und der ernsten Musik definiert - Felder, die zu parallelen Marktdifferenzierungen führten: Auch hier entstanden „hohe“ gegenüber „niedrigen“ Gefilden: Die hohen sollten überall dort liegen, wo gesellschaftsweite Beachtung rechtmäßig eingefordert wird. Der Kitsch und die Unterhaltungsmusik konnten im selben Augenblick als aller Beachtung unwürdige Produktionen abgetan werden. Die Literaturdebatte muss von allen Gruppen der Gesellschaft als Teil der größeren Diskussion über die Kultur und die Kniff der Nation aufmerksam beobachtet werden: Sie nimmt über zusätzliche Debatten Themen der Gesellschaft auf und sie gibt Themen an benachbarte Diskussionen weiter.

Dass sie zum Streit Anlass gibt, ist das Erfolgsgeheimnis der Literaturdefinition des 19. Jahrhunderts: Literatur sollen die Sprachwerke sein, die die Menschheit besonders beschäftigen - das ist zirkulär und arbiträr definiert. Es liegt im selben Augenblick in der Hand aller, die über Literatur sprechen, festzulegen, was Literatur ist.

Der literarische Kanon verdrängt den religiösen

Ordnung und Befestigung gewann die Literaturdebatte nicht mit der Begriffsdefinition „Literatur“, an der sich der Streit entzündet, stattdessen mit den Traditionen ihres eigenen Austauschs. Was als Literatur betrachtet werden will, muss sich für einen bestimmten Umgang mit literarischen Arbeiten eignen. Die Literatur entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur weltlichen Alternative gegenüber den Schreiben der Religion, die noch die großen Debatten der Gesellschaft einforderten. Die Literaturwissenschaft drang mit ihrem Debattengegenstand - Dramen, Romane und Gedichte - in die Lücke, die die Geisteswissenschaft mit der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ. Dabei bewährten sich bestimmte Gattungen, die „literarischen“, besser als andere –

  • Literatur musste, wollte sie Funktionen religiöser Texte übernehmen, öffentlich inszenierbar sein - das Drama war dies,
  • Literatur musste intim rezipierbar sein - insbesondere die Lyrik gewann hier Rang als Gegenstand subjektiven Erlebens,
  • Literatur - weltliche Fiktionen und Poesie - musste tiefere Bedeutung tragen können, wollte sie einen sekundären Diskurses rechtfertigen; dass sie das konnte zeichnete sich seit 1670 ab (seit dem Pierre Daniel Huet mit seinem Tractat über den Ursprung der Romane als Theologe darauf verwiesen hatte, dass man weltliche Fiktionen und damit den Roman samt der Poesie ganz wie theologische Gleichnisse „interpretieren“ könnte; Huets Vorschlag blieb bis in die 1770er nicht ganz astrein als fragwürdige Aufwertung von weltlichen Fiktionen),
  • Literatur musste einen Streit über ihre Rolle in der Gesellschaft zulassen - das tat die sie, nachdem man Dramen, Romanen und Gedichten schon lange zugestand, dass sie Sitten gefährdeten (oder verbesserten),
  • Literatur musste sich im Bildungssystem mit ähnlicher Hierarchie des Expertentums behandeln lassen wie Texte der Religion zuvor, wollte sie nicht ganz schnell beliebig zerredet werden - tatsächlich kann das Bildungssystem jedem Kind abverlangen, eine eigene Beziehung zur Literatur seiner Nation zu entwickeln; gleichzeitig bleibt enorme Expertise notwendig, um Literatur „fachgerecht“ zu analysieren und zu interpretieren, Fachexpertise, die an universitären Seminaren so exklusiv diffus wird wie in theologischen Seminaren zuvor.

Siegeszug der pluralistischen Diskussion

Bild:Literarische Kommunikation.gif
Modell literarischer Kommunikation. 1 Im Schulunterricht erhält das (zukünftige) Publikum einen ersten Impression davon, was Literatur ist. 2 Zukünftige Autoren werden im selben Ausbildung in die Literaturdiskussion eingeführt. 3 In den Medien verfolgt das Publikum die öffentliche Literaturkritik, es gibt tonangebenden Kritikern den Rang von Literaturpäpsten, kauft Bücher, die besprochen werden, setzt Diskussionen fort, die es im Feuilleton liest. 4 Die Verlage werben für die Literatur in Katalogen, Buchhandlungen und über die Medien. 5 Autoren verständigen mit dem Publikum in ihren Büchern, bei Dichterlesungen, in öffentlichen Auftritten in den Medien. 6 Verlage verständigen mit den Autoren, sie fördern und berappen sie, sie geben ihnen Rückhalt in den Medien und im Buchhandel, organisieren Buchmessen und finanzieren Literaturhäuser in den Städten, um Plattformen für ihre Autoren zu gewinnen. 7 Selbst an den Medien verwickelt versorgen die Verlage die Literaturrezensenten mit ersten Angeboten dazu, wie neue Titel vorzustellen sind, sie schaffen Kontakte zwischen Kritikern und Autoren, liefern komplette Rezensionen vorformuliert an, um die Literaturbesprechung in Gang zu halten. 8 Autoren austauschen mit der Literaturkritik, indem sie bei neuen Arbeiten auf Besprechung eingehen, indem sie gezielt die Besprechung provozieren, auch indem sie mit Manifesten und theoretischen Exkursen selbst Vorgaben machen, wie ihre Werke öffentlich diskutiert werden sollen. 9 In der Literaturwissenschaft und -kritik herrscht zuvor eine Binnenkommunikation: Literaturwissenschaftler schreiben neuartige Textinterpretationen, und entwickeln neue Literaturtheorien, mit denen der öffentliche Austausch über Literatur neue Themen gewinnen könnte. In der fachinternen Diskussion zeichnet sich ab, welche Diskussionsangebote größeren Reiz gewinnen könnten.

Das Material, das im Lauf des 18. Jahrhunderts zu Literatur gemacht wurde, war nur im Ausnahme von Literaturzeitschriften (wissenschaftlichen Rezensionsorganen) besprochen worden. Der Austausch über Opern und Romane geschah vor 1750 vorerst in den Theatern und in den Romanen selbst. In den Theatern stritten die Fans über die besten Opern. Man veranstaltete in London Wettkämpfe, bei denen man Themen ausschrieb und die beste Oper prämierte. Im Roman attackierten Autoren sich unter Pseudonymen mit der beliebten Drohung, den Rivalen mit seinem bewahren Namen bekannt werden zu lassen. Hier griff der sekundäre Diskussion der Literaturkritik um 1750 mit neuen Debattenangeboten ein.

Die Literaturdiskussion selbst war zuerst eine rein wissenschaftsinterne Angelegenheit gewesen: Als im 17 Jahrhundert Literaturzeitschriften aufkamen, besprachen in ihnen Mensch die Arbeiten anderer Wissenschaftler. Das Publikum dieses Streits weitete sich aus, da die Literaturzeitschriften Themen von öffentlichem Interesse intelligent ansprachen und da die Rezensenten sich auf das breitere Publikum mit neuen Besprechungen der „belles lettres“ einließen. Wenn die Wissenschaften Schriftsteller besprachen, gewann ihre Streitgespräch eine ganz neue Freiheit: Fachintern, doch vor den Augen der wachsenden Öffentlichkeit besprach man hier Autoren, die außerhalb der eigenen Auseinandersetzung standen. Man konnte mit ihnen weit kritischer umgehen als mit den Kollegen, die man bisher mittig rezensierte.

In dem Maße, in dem die Wissenschaften ihren ersten Besprechungsgegenstand (ihre eigene Arbeit) stattdessen des neuen (Poesie der Nation) aufgaben, öffneten sie die Literaturdebatte der Gesellschaft. Die Literaturdiskussion agierte von jetzt an gegenüber mindestens drei Teilnehmern: gegenüber dem Publikum, das die Literaturdebatte verfolgt und vieldiskutierte Titel mit Gewandtheit kauft, die Diskussionen fortzusetzen; zweitens gegenüber den Autoren, die nun als die Person von „Primärliteratur“ dem „sekundären Diskurs“ beliebig distanziert gegenüberstehen können.

Der Austausch gewann an Komplexität, als im 19. Jahrhundert die Nation ein eigenes Interesse an der neuformulierten Literatur entwickelte. Die Nationalliteratur ließ sich an Universitäten und Schulen zum Unterrichtsgegenstand machen. Der Nationalstaat bot der Literaturwissenschaft eigene Institutionalisierung an: Lehrstühle an Universitäten. Die nationalen Philologien wurden eingerichtet. Literaturwissenschaftler wurden berufen, um für Kultusministerien die Lehrpläne zu erstellen, nach denen an den Schulen Literatur zu besprechen ist; sie bilden die Berufstätiger aus, die Literatur bis in die unteren Schulklassen herunter diskutieren.

Die Verlagswelt stellte sich auf den neuen Austausch ein. Kommt ein neuer Roman auf den Markt, schickt sie gesamt vorgefasste Rezensionen mit Hinweisen auf die Debatten, die dieser Roman entfachen wird, an die Feuilleton-Redaktionen der wichtigsten Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender.

Die Autoren veränderten ihre Arbeit. Mit den 1750ern kamen ganz neue Dramen und Romane auf: schwergewichtige, schwerverständliche, die gesellschaftsweite Diskussionen entfachen müssen. Romane und Dramen wurden in ganz neuem Maße „anspruchsvoll“ - Anspruch auf öffentliche Würdigung ist das neue Thema. Um mehr Gewicht auf Debatten zu gewinnen, wurde es unter den Autoren Mode, Dramen, Romane und Gedichte in epochalen Strömungen zu verfassen, Schulen zu gründen, die einen bestimmten Stil, eine bestimmte Klaue (die „realistische“, die „naturalistische“ etc.), eine bestimmte Kunsttheorie (die des „Surrealismus“, die des „Expressionismus“) verfochten. Autoren, die sich auf eine solche Weise verorten, werden, wenn die Aktion gelingt, als bahnbrechende besprochen, wenn sie zu spät auf den falschen Zug aufspringen, werden sie von der Beurteilung als „Epigonen“ gebranndmarkt. Dieses gesamte Spiel kennt kein Analogon vor 1750. Die meisten Stilrichtungen, die wir (wie das „Barock“ und „Rokoko“) vor 1750 ausmachen, sind erst später geschaffene Konstrukte, mit denen wir den Impression erwecken, dass Literatur schon immer Debatten fand, wie sie sie seit dem 19. Jahrhundert findet.

Bild:Books smoulder in a huge bonfire 1933.jpg
Verfolgungsjagd von Literatur: Bücherverbrennung 1933

Die Autoren organisierten sich in Assoziationen wie den P.E.N.-Club international. Sie formierten Gruppen wie die „Gruppe 47“ und Strömungen. Mit Manifesten begannen sie, dem sekundären Gedankenaustausch Vorgaben zu machen. Im Einzelfall ließen sie sich auf Fehden mit Literaturpäpsten ein, um auf direktestem Weg die Literaturdiskussion auf sich zu ziehen. Autoren annehmen Literaturpreise an oder sie schlagen, wie Jean Paul Sartre den im verliehenen Nobelpreis für Literatur, im öffentlichen Verleumdung aus. Sie halten Dichterlesungen in Buchhandlungen - unvorstellbar wäre das im frühen 18. Jahrhundert gewesen. Sie begeben sich in den „Widerstand“ gegen politische Systeme, sie schreiben Exilliteratur aus der Exodus heraus.

Mit all diesen Interaktionsformen gewann der Austausch über Literatur eine Bedeutung, die der Austausch über die Theismus kaum hatte (geschweige denn der Austausch über Literatur im alten Wortsinn oder derjenige über Lyrik und Romane, wie er vor 1750 bestand).

Das brachte eigene Gefahren mit sich. Die Literaturwissenschaft und der von ihr ausgebildete freiere Bereich der Literaturkritik in den Medien sind erheblichen Einflussnahmen der Gesellschaft ausgesetzt. Die Gesellschaft klagt neue Debatten ein, fordert neue politische Orientierungen, erzwingt von der Literaturkritik Widerstand oder Anpassung. Es gibt in der pluralistischen Gesellschaft in der Folge eine feministische Literaturwissenschaft wie eine marxistische, oder (scheinbar unpolitischer) eine strukturalistische und so fort. Eine Gleichschaltung der Gesellschaft, wie sie das Dritte Reich durchführte, greift konsequenterweise gezielt zuerst in den Literaturbetrieb ein. Die institutionalisierte Literaturwissenschaft lässt sich sehr schnell gleichschalten, Lehrstühle werden neu besetzt, Lehrpläne bereinigt, Literaturpreise unter neuen Richtlinien vergeben. Die Nivellierung der Verlagswelt und der Autorenschaft ist die schwierigere Aufgabe der Literaturpolitik, der totalitäre Vereinigte Staaten von Amerika zur Kontrolle der in ihnen geführten Debatten große Aufmerksamkeit bescheren müssen.

Rückblick: Ein neuer Bildungsgegenstand wurde geschaffen

Bild:Muenchen-nationaltheater2.jpg
München: der Max-Joseph-Platz, vor der Säkularisation der Platz des Franziskanerklosters. Nach dessen Abriss neugegliedert: Rechts, düster: das neue Nationaltheater. Im Bildmittelpunkt, mit neuer Front und neuen Herrschaftsräumen: die Residenz (nicht erkennbar dahinter den Fenstern des Neuanbaus, die Räume mit den neuen Bildprogrammen: im oberen Flur daneben der Antike die neue Deutsche Literatur von Goethe, Schiller und Bürger, unten die neuentdeckte mittelalterliche Literatur mit den großen Fresken zum Nibelungenlied).

Weshalb die Nation überhaupt ein solches Interesse am pluralistischen und ständig kritischen Gegenstand „Literatur“ und den Debatten nationaler „Kunst“ und „Kultur“ entwickelte?

Europas Nationen antworteten mit der Einführung nationalstaatlicher Bildungssysteme und der allgemeinen Schulpflicht - schon auch - auf die Französischen Revolution. Wer befördert werden wollte, sollte, so das Versprechen, das jede andere Umwälzung erübrigen musste, es in der Nation beliebig weit bringen können - vorausgesetzt, er nutzte die ihm angebotenen Bildungschancen. In der Praxis blieben Blagen unterer Anhäufen bei aller Chancengleichheit pekuniär benachteiligt. Weit schwerer wog für sie jedoch, was sie an Erfahrungen frühzeitig in all den Schulfächern machten, in denen die neuen Themen trendy waren: Wer in der Gesellschaft höher steigen wollte, würde seinen Geschmack anpassen müssen. Er würde sich ausschließlich für hohe Literatur, bildende Kunstgriff und ernste Töne begeistern müssen und am Ende mit seinen nächsten Angehörigen keine Themen mehr teilen, ihre Zeitungen verachten wie ihre Nachrichten. Die Anfrage war nicht, ob man avancieren konnte. Die Anfrage war, ob man bei diesen Aussichten höher steigen wollte? Erst das ausgehende 20. Jahrhundert brachte hier eine größere Nivellierung der „Kulturen“ innerhalb der Gesellschaft - nicht wie in der linken politischen Modell gedacht durch eine Erziehung, die Arbeiterkinder an die hohe Kultur heranführte, an Stelle durch neue Moden der Postmoderne, in denen „niedere“ Kultur, „Trash“, plötzlich „Kultstatus“ gewann.

Der Null im Gefecht um gesellschaftliche Diskussionen und Aufmerksamkeit scheint bei alledem die Religion gewesen zu sein. Die Literatur ist gerade an dieser Stelle eine interessant offene Konstruktion. Die Texte der Theismus können dort, wo man Literatur diskutiert, immerwährend als die „zentralen Texte der gesamten sprachlichen Überlieferung“ eingestuft werden. Aus der Sicht der Literaturwissenschaft liegen die Texte der Gottesglauben nicht außerhalb, an Stelle mitten im kulturellen Leben der Nation. Die Texte der Theismus stillstehen zur Literatur als dem großen Bereich aller textlichen (nach Nationen geordneten) Überlieferung kaum so ähnlich wie die Religionen selbst zu den Staaten, in denen sie agieren. Es ist dies der tiefere Grund, wie kommt es, dass... sich das Konzept der Literatur, wie es dieser Tage die Literaturwissenschaft beschäftigt, weitgehend ohne auf Widerstand zu stoßen, global ausdehnen ließ.

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Literaturen: Das international fragwürdige Konzept

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R. Tagore, Nobelpreis 1913
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Pearl S. Buck, Nobelpreis 1938

Die moderne Literaturdebatte folgt zuallererst deutschen und französischen Konzepten des 18. und 19. Jahrhunderts. Deutsche Journale wie Lessings Briefe die Neueste Literatur betreffend wandten sich früh dem neuen Gegenstand zu. Sie taten dies gerade im Verweis auf ein nationales Defizit. Mit der französischen Revolution erreichte Französische Republik das Interesse an einem säkularen textbasierten Bildungsgegenstand.

Wer sich durch die englische Publizistik des 19. Jahrhunderts liest, wird dagegen feststellen, dass das Wort „Literatur“ hier noch bis Ende des 19. Jahrhunderts synonym für die Belesenheit stillstehen konnte. An Themen des nationalen Austauschs fehlte es in Großbritannien nicht - die Politik und die Gottesglauben lieferten sie zur freier Teilnahme an allen Diskussionen. Die Nation, die die Kirche im 16. Jahrhundert dem Staatsgefüge einverleibt hatte, fand erst spät eine eigene der kontinentalen Säkularisation gleichkommende Debatte. Die wichtigste Geschichte der englischen Literatur, die im 19. Jahrhundert erschien, Hippolyte Taines History of English Literature brachte die neue Wortverwendung als Anstoß von außen ins Spiel und machte verhältnismäßig spät klar, welche Bedeutung England in der neu zu schreibenden Literaturgeschichte selbst gewinnen konnte.

Das Konzept nationaler Literaturen wurde von Abendland aus den Nationen der Welt vorgelegt. Es fand am Ende weltumspannend Akzeptanz. Der Buchmarkt gestaltete sich im selben Geschehen um: aus einem im frühen 18. Jahrhundert marginalen Feld des Buchangebots wurde die zentrale Produktion. Es androhen mit dem Konzept nationaler Literaturen allerdings fragwürdige Wahrnehmungen:

  • Wo von Literaturen gesprochen wird, ist in der Regel nicht geklärt, ob diese sich tatsächlich in den diskutierten Traditionen entwickelten. Die europäischen Literaturgeschichten hebeln gezielt konträre Traditionskonzepte aus: das der Poesie, das des in die Historie eingebetteten Romans, das der Belletristik, als eines Marktes, der sich offensichtlich als europäischer und heute weltweiter entwickelte. Man kann nicht von „nationalen Belletristiken“ sprechen - es fehlt im selben Moment eine Geschichte des größeren Marktes, der sich durchaus nicht in nationalen Linien entwickelte. Kaum etwas wissen wir von außereuropäischen Traditionskonzepten.
  • Wo von Literatur gesprochen wird, wird in der Regel unterstellt, dass sie sich als Feld der Texte tieferer Bedeutung und höherer sprachlicher, „literarischer“, Qualität entwickelte. Wo von Literatur der Zeit vor 1750 gesprochen wird, ist in der Regeln nicht thematisiert, dass die Literaturbegriffe, die dabei als zeitgenössische in Anschlag gebracht werden, genau dies nicht sind. Der in der Germanistik kursierende „Literaturbegriff des Barock“ ist nicht der „Literatur“-Begriff des 17. Jahrhunderts, noch dessen „Poesie“-Begriff noch irgendein vergleichbares, mit einem Wort des 17. Jahrhunderts fassbares Konstrukt. Er entstand im 19. und 20. Jahrhundert in der Interpretation von Tragödien und Romanen des 17. Jahrhunderts, die wir gerne für Literatur des 17. Jahrhunderts erachten würden. Wir schaffen hier Konzepte und Denkmuster anderer Zeiten und Kulturen nach unseren Wünschen.
  • Funktionen, die in unseren Gesellschaften Literatur einnimmt (im Schulunterricht behandelt, in Zeitschriften rezensiert zu werden etc.), nahmen vor 1750 andere Produktionsfelder ein: die Religion, die Wissenschaften, um in Europa zu bleiben. Literaturgeschichten pflegen dies kaum zu thematisieren. Die Literatur bestand, sie musste sich jedoch, so die einfache Theorie, ihren Platz erst erobern - das verstellt weitgehend jeden Blick darauf, welche Rolle die Literaturbetrachtung bei der Ausbildung ihres Gegenstands spielte und in jedem Moment spielt, in dem sie Literaturgeschichte setzt.

Tendenzen: Der „erweiterte Literaturbegriff“? – der „Tod der Literatur“?

Bild:Frenzel Ausgabe 1980.png
Die deutsche Dichtung ist die deutsche Literatur, der enge und nationalorientierte Literaturbegriff.

Das Konzept nationaler Literaturen erregte kaum Einsprüche. Die Komparatistik setzt gerade getrennte, „vergleichbare“ Literaturen voraus. Sie erarbeitete kaum das Konzept eines breiten internationalen Marktgeschehens.

Sehr viel mehr Einsprüche rief der enge Literaturbegriff hervor. Und die Schulen der textimmanenten Lesart (die wie der Strukturalismus die Bedeutung im einzelnen vorliegenden Textstück suchen), wie die Schulen der gesellschaftsbezogenen Literaturinterpretation (die vom Marxismus so weit wie den Strömungen Literatursoziologie einen Blick auf die Gesellschaft einfordern), traten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für einen „weiten“ Literaturbegriff ein. Der schien erstrebenswert, da er es Literaturkritikern erlauben würde, auch politische Texte, Werbung, Alltagstexte ideologiekritisch zu besprechen.

Die Vertreter des Poststrukturalismus erweiterten in den 1980ern und 1990ern ihren Text- wie ihren Sprachbegriff noch entschiedener. Roland Barthes hatte in den 1950ern schon die Titelcover von Zeitschriften ebenso wie das neue Gestaltung eines Autos in ihren Botschaften besprochen.

Eine Selbstverständlichkeit wurde der erweiterte Sprachbegriff in der Filmwissenschaft. Hier spricht man ganz vorbehaltlos von der „Bildsprache“ eines Regisseurs, und über eine solche Sprache müssen Literaturwissenschaftler sich äußern können.

Die moderne Kulturwissenschaft, die „Cultural Studies“ setzen zwar eine umfassende Interpretationspraxis fort, ihr Gegenstand wird jedoch in der „Kultur“ definiert.

Wenn die Literaturwissenschaft sich auf sprachliche Kunstwerke spezialisiert, hat dies wirklich Vorteile. Sie hält im selben Zeitpunkt sonstige Subjekt davon ab, im eigenen Forschungsfeld als Experten aufzutreten. Die Literaturdiskussion kann letztlich sehr frei festlegen, was ihr Gegenstand ist – sie kann sich auf ein gut gehendes Kerngeschäft, Literatur im engen Sinn, ausrichten, oder auf sonstige Diskussionen und dazu mit einem weiten Literaturbegriff auftreten. Der wiederkehrende Warnruf, der Tod der Literatur stehe bevor, ist am ehesten ein Spiel mit der Aufmerksamkeit der Gesellschaft, die den Austausch über Literatur verfolgt und verteidigt.

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(Sekundär-)Literatur

Klassische Literaturdefinitionen

Die Autoren dieser Titel legen ein Corpus der in ihren Augen literarischer Werke fest, und versuchen dann in einer wissenschaftlichen und subjektiven Analyse dieser Werke auszumachen, was alle Literatur auszeichnet

  • René Wellek: Eintrag „Literature and its Cognates“, in: Dictionary of the History of Ideas. Studies of Selected Pivotal Ideas, 1-4, ed. Philip P. Wiener (New York, 1973), 3: p.81-89.
  • Paul Hernadi, What Is Literature?, (London, 1978). ISBN 0-253-36505-8 Sammelband zum Begriff Literatur - enthält u. a. von René Wellek: „What Is Literature?“
  • Wolf-Dieter Lange: „Form und Bewusstsein. Zu Genese und Wandlung des literarischen Ausdrucks“, in: Meyers kleines Lexikon Literatur (Mannheim, 1986). Ist ein typischer Aufsatz in Bezug auf - Lange stellt Titel, die ihm Literatur sind zusammen und erkennt, dass Literatur schon immer besonders expressiv war (und darum, so seine Mutmaßung, auf den Ruf der ersten Leute zurückgehe).

Begriffsgeschichte

  • Roland Barthes: „Histoire ou Litérature?“ in R. Barthes, Sur Racine (Paris, 1963), p.155, erstveröffentlicht in Annales, 3 (1960). Barthes verwies als erster darauf, dass das Wort „Literatur“ noch im Blick auf die Zeit Racines nur „anachronistisch“ zu applizieren sei - wurde darauf von René Wellek (1978) heftig angegriffen - das Wort habe es doch gegeben, wobei Wellek verschwieg, dass die Titel, die er dazu zitierte, sich nicht mit Literatur in unserem Sinne befassten. Barthes starb 1980, Welleks Antwort blieb als korrekte Berichtigung stehen.
  • Jürgen Fohrmann: Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich (Stuttgart, 1989). ISBN 3-476-00660-3 Ist die erste germanistische Arbeit, die den Themenwechsel im Blick auf „Literaturgeschichten“ skizzierte, und daran Überlegungen zum Aufbau der Germanistik im 19. Jahrhundert anknüpfte.
  • Rainer Rosenberg: „Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 77 (1990), 36-65. Konstatiert die Bedeutungen der Begriffe „Poesie“, „Dichtung“, „Belles Lettres“, „Schöne Wissenschaften“, „Schöne Literatur“, „Literatur“ für verschiedene Zeitpunkte - und beklagt, dass darin kein System erkennbar sei - verfasst ohne den Denkschritt Fohrmanns, nachdem die Literaturwissenschaft hier Themen adoptierte und ihr altes Thema aufgab, um etwas neues zu besprechen.
  • Richard Terry: „The Eighteenth-Century Invention of English Literature. A Truism Revisited“, Journal for Eigtheenth Century Studies, 19.1 (1996). Konstatiert einleitend, dass es nun spannend ist, zu erfassen, was all das war, was uns dieser Tage „Literatur“ ist, und welche Rolle es spielte, vor man anfing es als „Literatur“ zu diskutieren. Gibt Überblick über Titel, die Feinheiten des Problems untersuchten.
  • Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde (Amsterdam/ Atlanta: Rodopi, 2001). ISBN 90-420-1226-9 Bietet S. 85-94 einen Überblick über die Geschichte des Wortes Literatur und S.115-193 einen genaueren Blick auf die Literaturdebatte 1690-1720; zentral mit der Positionsveränderung des Romanmarkts zwischen dem frühen 18. Jahrhundert und in diesen Tagen befasst.

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Buchmessen

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Literatur und Internet

Das Projekt Gutenberg stellt viele Literatur ins Internet.

Eine übrige wichtige Anlaufstelle ist das Literaturnetz.

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Literatursoftware

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Literaturdatenbanken

Eine Literaturdatenbank katalogisiert den Bestand aktueller und älterer Literatur. Hier finden des Öfteren digitale Kataloge bzw. Online-Literaturdatenbanken ihren Gebrauch.

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Eingehendere Artikel

Literaturen nach Sprachen und Nationen

Regionen, Kontinente

Siehe auch die Artikel

Bereiche schriftlicher und sprachlicher Überlieferung

  • Musikliteratur

Die literarischen Gattungen

Epik:

Drama:

Reuters: Erst der Dienst, dann der Tweet: Die Nachrichtenagentur Reuters hat Richtlinien im Umgang mit dem Internet und mit Web-2.0-Angeboten für ihre Mitarbeiter herausgegeben. Neben den üblichen journalistischen Grundregeln gehört dazu auch das Gebot, bei allen Aktivitäten in sozialen Netzen professionell zu bleiben. (Web2.0, Facebook)... Weiterlesen!

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  • Literaturangabe - Hinweise zur Ingenieurwissenschaften des (richtigen) Zitierens.

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