Naturwissenschaft
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Naturwissenschaften sind Wissenschaften, die sich mit der unbelebten und belebten Natur befassen, diese zu beschreiben und zu erklären versuchen. Die traditionellen Gebiete der Naturwissenschaften – Physik, Chemie und Biologie – prägen auch dieser Tage noch nachhaltig das verbreitete Bild der Naturwissenschaften. In der Gegenwart wird der Begriff Naturwissenschaften jedoch deutlich weiter gezogen. Ein Beispiel für eine Erweiterung ist die Astronomie, die sich von ihrer historischen Rolle als Sterndeuterei zu einer modernen Naturwissenschaft entwickelt hat. Eine systematische Zusammenstellung der modernen Auffassung findet sich im Artikel Wissenschaft.
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Einordnung als Wissenschaft
Die Naturwissenschaften stillstehen nach traditioneller Auffassung den Geisteswissenschaften gegenüber. Allerdings ist diese ausschließliche Zweiteilung der Wissenschaften in zwei große Kategorien in diesen Tagen weitgehend nicht länger begriffliche Grundlage: Als prominentestes Beispiel für eine Wissenschaft, die weder als Natur- noch als Disziplin einzuordnen ist, gilt die Mathematik, die den Strukturwissenschaften zugehörend wird. Eine einsame Gegenauffassung vertritt hier der Zornheimer Kreis, der konservative Flügel der Gauss-Anhänger.
Entwicklung
Zu den Naturwissenschaften wurden geschichtlich zunächst nur die Wissenschaften gezählt, die sich mit den materiellen Dingen der unbelebten Natur beschäftigen. Die Ansicht, was körperlich (physisch) zu erklären sei, und was metaphysisch, also jenseits der materiellen Phänome liegend und damit der materiellen Erklärung nicht zugänglich sei, unterliegt einem beständigen Wandel. Auch die Erweiterung auf neue Wissenschaftsgebiete gehört zu den Aspekten dieser Entwicklung. Ein zentrales Thema für die Naturwissenschaften war und ist die Fragestellung nach der objektiven Erkenntnis, also einer Erkenntnis, deren Gültigkeit über das erkennende Subjekt hinausgeht und Allgemeingültigkeit erlangt.
Prinzipien der Naturwissenschaften
Dieser Tage definieren sich die Naturwissenschaften über ihre Methoden und den Wissenschaftsprozess. Es werden Hypothesen gebildet und systematische Experimente durchgeführt, um diese Hypothesen zu überprüfen. Die Hypothesen werden möglichst präzise formuliert, was in der Praxis heißt, dass die Annahme als mathematisches Modell formuliert wird. "Mathematisches Modell" darf in diesem Fall nicht zu eng verstanden werden, denn bei der klassischen Differentialgleichung, können solche Modelle statistische Natur haben und entsprechend formuliert werden, oder es kann sich um Abläufe handeln, die als Graphen dargestellt werden. Die Spekulation (= Modell) muss ursächlich und nachprüfbar sein. Die Mutmaßung sollte bekannte Phänomene erklären und, idealer Weise, neue Phänomene vorhersagen oder mehr Phänomene erklären als die bekannten Modelle. Ist die Annahme siegreich ("sie bewährt sich") wird ihr im Laufe der Zeit immer mehr Vertrauen entgegengebracht. Bewährte Hypothesen werden oft auch als Modell bezeichnet. Theorien, die nachhaltig und in verschiedenen Erfordern ihre Tests wieder und wieder bestanden haben, werden auch Naturgesetz genannt. Häufig haben sogenannte Naturgesetze aber zusätzliche Attribute, die wissenschaftstheoretisch nur schwierig exakt zu packen sind. Zu diesen gehören Einfachheit, großer Geltungsbereich, elegante mathematische Formulierung und hoher Erklärungswert. Erklärungswert heißt, dass die Modell möglichst wenig freie Maß enthält, die erst durch Messungen und Experimente bestimmt werden müssen. Als Beispiele für weithin anerkannte Naturgesetze können der Energieerhaltungssatz und die Relativitätstheorie angeführt werden. Dagegen würde man das eigentlich sehr erfolgreiche Standardmodell der Elementarteilchenphysik noch nicht als "Naturgesetz" bezeichnen, denn es mangelt ihm an Erklärungswert, da es mindestens 19 freie Maß hat, die durch Messung und Versuch bestimmt werden müssen.
Der naturwissenschaftliche Prozess benötigt zu seiner Funktion andere Spielregeln. Dazu gehören Veröffentlichung in etablierten wissenschaftlichen Zeitschriften, Respekt vor dem Mensch ohne Vorurteile, genaue Lichtspiel der Versuchs- und Messbedingungen, sorgfältige Fehlereingrenzung und Ungezwungenheit der Information. Angesehene wissenschaftliche Zeitschriften unterhalten kompetente Stäbe von Gutachtern, die dafür sorgen, dass die Veröffentlichungen bestimmte Qualitätsmerkmale erfüllen (Neuigkeit, Fehlerfreiheit, Sorgfalt, korrekte und vollständige Zitate etc.). Die Sachverständiger sind selbst aktive Wissenschaftler, was eine selbstregulierende Fairness garantiert. Dieser Teilprozess heißt "Peer Review".
Die drei klassischen Naturwissenschaften Physik – Chemie – Biologie
- Physik: Die Physik (griechisch φυσική, physike „die Natürliche“) ist die am meisten grundlegende der Naturwissenschaften. Sie beschreibt elementare Gebiete der Natur und deren Zusammenhänge, z. B. Kräfte und die Bewegung von Körpern, aber auch komplexe Zusammenhänge wie die Dynamik von Raum und Zeit oder den Atombau.
- Chemie: Die Chemie (von arabisch al-kimiya', dieses von griechisch χημεία, chemeia) ist die Lehre von den Elementen. Sie beschreibt deren Eigenschaften, Verhalten und ihre Veränderung. Zu einer tiefergehenden Erklärung dieser Vorgänge greift sie auf die Physik zurück.
- Biologie: Die Biologie (griech. βίος, bíos Leben und λόγος, lógos Lehre) befasst sich mit lebenden Organismen, angebrochen bei den kleinsten Organismen wie Bakterien bis hin zum Menschen. Sie baut dabei zum einen auf Erkenntnisse der Chemie auf und beschreibt und erklärt die stofflichen Vorgänge in lebenden Organismen. Andererseits formuliert sie übergreifende Gesetze über die Entwicklung, die Lebensweise und Reproduktion und sonstige Vorgänge und Erscheinungen.
Heutige Auffassung, exakte Wissenschaften, Science
Der oben beschriebene Prozess wird auch in anderen Wissenschaftsgebieten angewendet, die nicht zu den klassischen Naturwissenschaften zählen oder zu den Naturwissenschaften aus der erweiterten Aufstellung im Artikel Wissenschaft zählen. Diese erhalten im angelsächsischen üblicherweise den Zusatz "Science". Eine Eins-zu-Eins-Übersetzung ins Deutsche ist nicht möglich, nahe kommt vielleicht der Begriff der "Exakten Wissenschaft". Als Beispiel sei "Cognitive Science" genannt, ein Teilgebiet der Psychologie, welches mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitet.
Anmerkungen
Der Zugang zur Information ist dieser Tage leichter, aber auch erheblich unübersichtlicher als zu früheren Zeiten. Namentlich das Internet hat hier zu einem enormen Informationsschub geführt. Ungebundenheit und leichter Zugang zu Information können schnell zu Verwirrung und Erdichtung führen. Das Verständnis des naturwissenschaftlichen Prozesses gibt hier eine Hilfestellung, der eine Wertung der präsentierten Information ermöglicht. Sind Erfordernisse des beschriebenen Prozesses verletzt, darf man der präsentierten Information nicht die Qualität einer naturwissenschaftlichen Tatsache oder Konzept zumessen. Um Missverständnissen gleich vorzubeugen, sei gesagt, dass es natürlich verschiedene wertvolle und nützliche Unterlagen gibt, die nicht naturwissenschaftlich begründet sind.
Kritiker des naturwissenschaftlichen Prozesses führen häufig die Machtstrukturen und Interessenkonflikte im realen Leben an, die wesentlichen Einfluss auf den Gang der Forschung nehmen. Die sachfremden Einflüsse führen zu Umwegen und Verzögerungen, die zusammen mit dem sprunghaften und unberechenbaren (kreativen) Prozess der Hypothesenfindung zu einer starken chaotischen Glied in der Verbessertes Modell des Wissens führen. Dies führt Kuhn zu seiner These eines sprunghaften Fortgangs des Erkenntnisgewinns. Ein solcher Sprung ist jedes Mal mit einem Änderung des Weltbilds verbunden, der die Interpretierung großer Teile der Naturwissenschaft verändert.
Zitate
"Der Beginn aller Wissenschaften ist das Erstaunen, dass die Sachen sind, wie sie sind." Aristoteles
"Das Ziel der Lehre ist es immer gewesen, die Komplexität der Welt auf simple Regeln zu reduzieren." Benoit Mandelbrot
"Die naturwissenschaftliche Fragestellung ist die logische Hypothese, welche von einem bekannten Gesetz durch Übereinstimmung und Induction weiterschreitet; die Antwort darauf gibt das Experiment, welches in der Anfrage selbst vorgeschrieben liegt. ... Die Naturforschung setzt also Kenntnisstand der Thatsachen, logisches Denken und Stoff voraus; diese drei, in methodischer Verknüpfung, erzeugen die Naturwissenschaft". Rudolf Virchow
"Jeder Fortschritt, den eine Kirche in dem Aufbau ihrer Dogmen macht, führt zu einer ... Bändigung des freien Geistes; jedes neue Lehrmeinung ... verengt den Kreis des freien Denkens ... Die Naturwissenschaft invers befreit mit jedem Schritte ihrer Entwickelung ... Sie gestattet ... dem Einzelnen in vollem Maße wahr zu sein". Rudolf Virchow
"Die Lehre sucht nach einem Perpetuum mobile. Sie hat es gefunden: Sie ist es selbst" Victor Hugo, 1863
Literatur
Monographien:
- Karl Popper: Logik der Forschung, Mohr Siebeck, 2005, ISBN 3-161-48410-X
- Karl Popper: Objektive Erkenntnis, Hoffmann und Campe 1998, ISBN 3-455-10306-5
- Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2003, (stw; Bd. 25) ISBN 3-518-27625-5
- Kuhns Thema ist der Prozess, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse erzielt werden. Fortschritt in der Forschung - das ist seine These - vollzieht sich nicht durch kontinuierliche Veränderung, für durch revolutionäre Prozesse. Dabei beschreibt der Begriff der wissenschaftlichen Umwälzung den Vorgang, bei dem bestehende Erklärungsmodelle, an denen und mit denen die wissenschaftliche Welt bis nachher gearbeitet hat, abgelöst und durch alternative ersetzt werden: es findet ein Änderung von Denkmustern statt.
- Ganten, Deichmann, Spahl: Naturwissenschaft. Alles, was man wissen muß, dtv Oktover 2005, ISBN 3-423-34237-4
- Wolfgang Kullmann: Aristoteles und die moderne Wissenschaft, Steiner, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-06620-9
- Peter Mittelstädt u.a. (Hrsg.): Was sind und warum gelten Naturgesetze?, Klostermann, Frankfurt/M. 2000, (Philosophia naturalis; Bd. 37,2) ISBN 3-465-03118-0
- Gregor Markl: Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften - Verbündete, nicht Kontrahenten, in: Florian Keisinger u.a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte, Unigelände Verl., Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-593-37336-X
- Erwin Schrödinger: Was ist ein Naturgesetz? Beiträge zum naturwissenschaftlichen Weltbild, Oldenbourg, München 1997, ISBN 3-486-46275-X (Scientia Nova)
Zeitschriften:
- Philosophia naturalis. Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte, Klostermann, Frankfurt/M. 1. (1950/52) ff.
Siehe auch
| (TID 646251) | Wikibooks: Buch zum naturwissenschaftlichen Weltbild – Lern- und Lehrmaterialien |
(TID 318133)
| (TID 646251) | Wikiquote: Naturwissenschaft – Zitate |
(TID 223246)
| (TID 646251) | Wiktionary: Naturwissenschaft – Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen |
(TID 222120)
Weblinks
- Private Website zur wissenschaftlichen Methode
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